Foto: Connor McBriarty

Bandvorstellung: LOOSE LIPS – Emo Post Grunge aus Oldenburg

24.02.2025, Markus Schaedel

Artikel hören: 4:34 min

Smart Boys make soft Noise – für Joel, Enno und Jelto ein lässig-ernstes Thema

Loose Lips aus Oldenburg gehören mit ihrem emotionalen Mix aus Post-Grunge-, Garage Rock, College Rock und Blues in die Riege diverser Indie Bands, die der Welle des 2010er Grunge Revivals in den USA und dann Europa entstammten. Damals durchbrachen Acts wie Japandroids, Metz und vor allem Cloud Nothings mit ihrem Album „Attack on Memory“ mit frischer Dringlichkeit ala Nirvana, die Stille der nichts sagenden Indie pop Gitarren Musik mit ihren Subgenres wie Surf-/Beach-Indie Synth- oder einfach beliebigem Indie Pop.

 

Dieser Gegen-Trend hält weiter an – zum Glück. Auch bei Bei Joel (Voc/Bass), Enno (Git) und Jelto (Drums) heisst das: 90-er Sounds zwischen Royal Blood, Queens of the Stone Age und anderen Protagonisten mit aktuellen gesellschaftlich oder persönlich  relevanten Texten verschmelzen und das Ganze nach eigenem Ermessen kreativ ausmalen.

 

Loose Lips tun dies, im Gegensatz zu vielleicht der ein oder anderen uninspirierten Revival Band und  trotz gewisser Ähnlichkeiten mit Cleopatrix auf ihre eigene sensible, tiefsinnige aber vor allem reflektierte Art .

“Für mich war Rockmusik immer der Gipfel von Emotionalität,” erzählte Joel im November 2024 im O1 Interview: ..”man hat die Möglichkeit sich verletzlich zu zeigen und das laut rauszuschreien und das hat mich immer sehr berührt. Das hat sich in unsere Musik eingeschlichen. „Auch unsere Texte, die sind oft intim oder emotional.”

 

Schon ihre erste EP „Cautionary Tales“ von 2021 deutet dies mehr als an. Kurz nach Gründung 2019 in tiefsten Lockdown Zeiten aufgenommen (man sperrte sich mit viel Equipment ins Gartenhaus von Drummer Jeltos Eltern ein und spielte ein Wochenende drauf los ohne wirklich aufzuhören) zeugt bereits von der Gefühls Energie und Pop Gespür die bei Ihnen inzwischen normal geworden ist. Zwischen romantischer Melancolie wie The Cure und Ausbruch mit schleppenden fuzzigen Riffs zurrten die 3 Songs die Richtung fest.

 

Auch das nur kurze Zeit darauf releaste Debütalbum “Melancholia” (sowie die aktuelle EP “Soft Noise”) beweisen, dass die 3 Mid-Zwanziger zeitgemäße Songs auf professionellem Niveau schreiben können. Sie verstehen es, die gewünschten Vintage Elemente geschmackvoll zu etwas zu verbinden, das ihre Empfindungen widerspiegelt, gleichzeitig aber auch Algorithmen freundlich bleibt – mag man davon halten, was man will.

Ihr Song “Eye for an Eye” schaffte es so, mit seiner poppig-treibenden Energie auf irgendeine temporäre populäre Spotify Playlist  und hatte innerhalb von einer Woche über 300.000 Plays.

Loose Lips live im November 24 im Cadillac Oldenburg, Foto: Markus Schaedel

Loose Lips verstehen es außerdem, sich zeitgemäß zu vermarkten. Das beweisen nicht nur ihre aktuellen 30 Sekunden Music Videoclips als Snippet für Insta- und TikTok-Promo. So kann man mit dem selben Budget zum Beispiel 3 kurze Promo Clips für einzelne Songs, zum gleichen Preis drehen, wie vorher für ein klassisches Musikvideo dass dann 3 bis 4 Minuten dauerte.

 

Im selbst produzierten Doku Film über ihre Aufnahmen zum Album “Melancholia” in den Limetree Studios (Titel: Making: Melancholia) wird der Zuschauer zum mit grübelnden vierten Bandmitglied und erlebt, wie die Band versucht, alte Sounds (zum Beispiel mit Wurlitzer oder Drums, mit Analog Bandmaschine aufgenommen) mit der Intensität ihres aktuellen Songwritings zu verbinden. 

 

Thematisch befasst sich das hier entstandene Debüt Album unter anderem mit Gesellschafts Ängsten und dem Gefühl, damit allein zu sein  (How much more ?), toxischen Beziehungen (Keep me sane und Eye for an Eye), sozialen Versagensängsten (Wasting Time) und insgesamt mit der Entfremdung der Gesellschaft und der Last als junger Mensch damit klarzukommen und trotzdem seinen Weg zu finden.

 

Ohne Übertreibung: bei ihnen wirkt einfach alles gut durchdacht: Sound und Inhalte deuten so auf eine Band, die insgesamt reflektiert und kreativ auf dem schmalen Grat zwischen D.I.Y.-Authentizität und Anpassung an Rock/Pop Mainstream wandelt, was durchaus auch zu neuen Erkenntnissen führen kann.

Im Videoclip zum Song “Six Inch LED Screen” von der aktuellen EP “Soft Noise” läuft Sänger Joel in einer grotesken Smartphone Verkleidung durch die Oldenburger Innenstadt und prangert so selbstironisch unsere zwiespältige Rolle in der digitalen Aufmerksamkeitsspirale an. Wir sind nicht nur Opfer, wir sind auch Täter dieser Digitalisierungsökonomie,  also was soll der Ausweg sein ? Die Antwort geben sie zwar  nicht, aber immerhin deutet die Tatsache dass mal eine jüngere Band diese Frage überhaupt stellt, eine indirekte Forderung nach Veränderung und vielleicht dem Wunsch neue Pfade auf dem ausgelatschten Weg unfairer Plattformökonomie zu suchen ?

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