Foto: Anton Brosge

Bandvorstellung: PHANTOM BAY – Die Bremer Überflieger

24.07.2023, Markus Schaedel, Lesedauer: 5 Min

Obwohl sie sich erst 2020, ganz am Anfang der Pandemie gründeten und bislang nur ein Album veröffentlicht haben, sind die vier Emo-Hardcore-Punks von Phantom Bay schon ganz schön populär.

Album Rezensionen im Visions, Away from live, OX, 18.000 monatliche Hörer auf Spotify – Phantom Bay fallen einfach auf – und das nicht zu Unrecht denn die Qualität ihrer Songs ist unbestreitbar.

Wer also sind die Vier? Ich habe etwas recherchiert und ein kleines Interview mit Gründer, Sänger und Gitarrist Michael geführt.

1 ´New Native´ und Phantom Bay Gründung

Alles beginnt bei Michaels Vorband „New Native“, oder besser gesagt, bei deren Auflösung. Richtig gute Independent-Mucke im Stile der frühen „American Football“ oder ähnlich etablierter, vor allem US-Emo-Bands der 00-er Jahre brachten die alle in Wien lebenden Musiker zuwege – und das über Jahre. Doch 2019, nach 6 Bandjahren, insgesamt 3 Eps und einem viel gelobten Album (´Asleep´ (2018)/ Spotify) war plötzlich Schluss.

„Wir fühlen uns nicht mehr als Band“ machten die vier in einer offiziellen schriftlichen Erklärung an ihre Fans deutlich. Dazu kämen „verschiedene persönliche und berufliche Verpflichtungen“, die es ihnen nicht mehr möglich machten, sich ausreichend mit dem Projekt zu befassen.

„New Native haben sich im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst“ erzählt Michael heute. „Eigentlich wollte ich die Musik dann sogar komplett bleiben lassen um mich voll auf meinen Job zu konzentrieren. Aber dann kam Covid-19, ich war plötzlich zu Hause, hatte Zeit und saß schnurstracks wieder vorm Rechner, mit der Gitarre in der Hand und habe an Songs gebastelt.“ Wie sich liest, war sein Ziel dabei vor allem, den klassischen Hardcore Punk der 00-er Jahre wiederzubeleben.

„Mit den Songs bin ich dann auf meinen alten Freund Laurin (Bass, eigentlich Gitarrist bei der Freiburger Punk Combo „Causally Dressed“) zugegangen, der wiederum Yannic (Drums, Ex- The Deadnotes) rekrutiert hat und der hat wiederum Marc (mal als Gitarrist beim Projekt KAVIK gesehen) rekrutiert. Marc (Git) und Yannic (Drums) leben in Bremen, wo wir auch proben.“ Und so wurde schliesslich Bremen zum Mittelpunkt des phantom´schen Geschehens. „Im Juni 2020 hatten wir dann unsere erste Probe und im Januar 2021 haben wir schliesslich unser Album aufgenommen.“

Album: ´Phantom Bay´:

2. Das Album

Ihr Debüt- Album ´Phantom Bay´ erschien am 22. April 2022 bei KROD Records (Berliner Punk Rock Label) und konnte durchaus mit den etablierten Bands der gleichen Liga mithalten. Die 10 (+ Intro) Songs kommen mit insgesamt nur 25 Minuten zwar recht kurz daher, haben es dafür aber in sich – vor allem ihre Qualität und ihre Eingängigkeit überzeugen. Auf Basis der Rhythmusarbeit von Laurin (Bass) und Yannic (Drums), ganz im Stile der Bay-Area-Punkzeit, verweben die beiden Gitarristen Michael und Marc ein unentwirrbares Netz aus Emo-Punk-Stilen, das stets flüssig und atmosphärisch daher kommt und wie selbstverständlich, jede denkbare Emotion auszudrücken in der Lage zu sein scheint.

Darüber liegt die unnachgiebige Brüllstimme Michaels, der in phantomschen Sphären, ganz anders als beim klassischen Emo-Gesang bei New Native, die Zeilen vor Wut geradezu heraus schreit als wenn es kein Morgen gäbe. Ein Kontrast der Sinn macht, schaut man sich die Texte an, denn hier geht es vor allem um den aktuellen Zustand der Gesellschaft und des Einzelnen.

Die Gefühlslage Irgendwo zwischen Frust, Bedauern und Reue kreisen die Lyrics um die Entfremdung des Menschen von sich selbst, der aufgrund unmenschlicher (z.B. ver-wirtschaftlicher) Erwartungen an sich selbst, mehr und mehr durchs gesellschaftliche Raster fällt – schliesslich ausgebrannt und identitätslos zurückzu bleiben droht. „Another Model“ bringt es auf den Punkt: (Text – übersetzt)

Junge Herzen laufen in einem anderen Leben frei. Junge Herzen laufen frei, vielleicht in einem anderen Leben. Zu spät, um auszusteigen. Zu spät, um es zu versuchen. Eine andere Zeit, ein anderes Leben. Ein anderes Modell macht einen anderen Mann ohne abgenutzte, verschwendete Lebenszeit. Für eine Neuverkabelung und Neugestaltung ist es zu spät. Eine andere Zeit, ein anderes Leben. Ein anderes Modell macht einen anderen Mann ohne abgenutzte, verschwendete Lebenszeit. Völlig verschwendete Lebenszeit. Völlig verschwendete Lebenszeit. Völlig verschwendete Lebenszeit. Verdammt verschwendete Lebenszeit.

Krasser Stoff – aber eben auch nicht unrealistisch. Und doch wundert der Sinneswandel etwad, denn im Vergleich zum hoffnungslos verträumten (aber nie kitschigen) Schwelgen bei New Native, ist das Projekt Phantom Bay doch nochmal eine ganz andere Hausnummer. Michael: „Phantom Bay macht eher die Musik, die mich in die Szene hineingezogen hat (Hardcore der 2000-er) – es ist also eher ein „Back to the Roots“ Projekt für mich.“ Doch wütender als damals ist er heute sn sich nicht, wie er versichert – eher reifer. „In den Texten steckt viel Frust und das ist mein Ventil das rauszulassen. Aber ich würde nicht sagen, das ich heute wütender bin, ich gehe nur offener mit diesen Gefühlen um..“ Zum Beispiel durch Schreien. Michael: „Das Brüllen verleiht den Texten letztlich eine Intensität, die ich mit melodischem Gesang nie erreichen würde. Die Songs fühlen sich für mich so noch viel authentischer an. Ausserdem..Es verringert auch den Abstand zum Publikum bei Konzerten – brüllen kann schließlich jede:r.“

Die Fans mögen das offensichtlich, scheinen diese Empfindungen zu teilen – allein deswegen ist für Michael die Frage dieser gefühlten und dargestellten Aufrichtigkeit absolut unstrittig:„Ich glaube, Menschen schätzen ehrliche, authentische Musik mit emotionalen Qualitäten. Die Emotion kann aggressiv, melancholisch oder enthusiastisch sein (mit nahezu unendlich vielen Ausprägungen und Schattierungen), aber sie muss in sich stimmig, ehrlich und authentisch sein.
Wenn das gelingt, dann kommt Musik gut an. Es ist schön zu sehen, dass uns das offenbar gelingt.“

Die allgemeinen Rezensionen im Web dürften ihm recht geben (LINKS: Awayfromlive.de , handwritten-mag.de , gaesteliste.de  ..) – es sind neben der musikalischen Qualität vor allem die Eingängigkeit und die emotionale Klarheit der Songs, die Phantom Bay individuell und interessant machen – auch wenn hier und da schon mal Ähnlichkeiten zu Root-Bands wie Title Fight oder Touché Amoré erwähnt werden.

3. Phantom Bay Songs und Ausblick

Und wie entwickelt man Songs bei Phantom Bay ? Michael:„Unsere Songs entstehen meist mit einer groben Skizze die ich zur Probe mitbringe. Wir sortieren früh alle Ideen aus, die keine emotionale Reaktion erzeugen. Die guten Skizzen schleifen wir dann, bis sie sitzen – das ist der zeitintensive Teil. Das heißt: überflüssige Teile ausdünnen, für ausreichend Abwechslung sorgen, Gitarrenleads, Gesang und Harmonien ergänzen. Die Lyrics kommen zum Schluss – die schreiben wir auf Basis der Gesangsphrasen, die sich im Schreibprozess raus kristallisieren.“

Man merkt doch, dass Songwriting für Phantom Bay ein eingespielter Prozess ist – das gilt genau so für die aktuelle EP, die seit ein paar Monaten entsteht. „Underground“ (VÖ: 8.September 2023) heißt sie – bis jetzt sind davon die Tracks „Ends Meet“ und „Collective Decline“ releast worden. (Bandcamp) Passend dazu gibt es am 15. September 23 die Releaseparty in Bremen  im Bdp Haus Bremen.

Man darf also auf jeden Fall gespannt sein, wie die phantom´sche Reise weitergehen wird – eine Frage stellt sich doch noch zum Schluss, nämlich die nach der Wichtigkeit eines guten Labels, bei der ganzen Erfolgssache. Für Michael anscheinend nicht automatisch das Entscheidende: „Unterstützer:innen zu haben, die den Weg ebnen und Türen öffnen, das ist notwendig. Das kann ein Label sein, eine Booker:in, ein Magazin, eine andere Band, ein Management oder auch ein gut vernetzter Fan.
Türen gibt es viele, z.B. eine tolle Tour als Opener spielen zu dürfen, auf einer bekannten Playlist zu landen etc. Wichtig ist, Unterstützer:innen zu erkennen, zu würdigen und auch selbst so jemand zu sein, wenn man eine Künstler:in gut findet.
Und am wichtigsten ist es, gute, originelle Kunst zu machen. Da gibt es einfach keine Abkürzungen.“ Recht hat er – und auch dem ist nichts hinzu zu fügen.

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