25. September 2022

Konzertbericht: MANTAR beim Hellseatic 2022

von: Markus Schaedel

Die Vorgeschichte

Mantar kommt – endlich. Dabei hatten sie es bisher alles Andere als leicht – zumindest seit sie in der Post-Corona Zeit mal wieder auf die Bühne wollten. Bereits im Dezember 2021 wollte das Sludge-Metal Duo im Rahmen einer spontan gebuchten Deutschland-Minitour, nach über 2 Jahren Pandemie Pause ein paar Gigs in Deutschland spielen und auch ein bisschen feiern, dass nun alles wieder besser werden würde; der erste Gig davon eigentlich im Tower in Bremen. Aber denkste. Zu unübersichtlich entwickelte sich die Situation aufgrund unterschiedlicher Corona Regelungen und steigender Inzidenzen und die Tour wurde schliesslich auf 2022 verlegt.

Auch das Hellseatic Festival – 2019 von Bremer Musikern und Veranstaltern mit dem Ziel gegründet, Bremen wieder zu einem Hotspot harter Musik in Deutschland zu machen, hatte im Vorfeld ausreichend Probleme mit der allgemeinen Pandemie Situation. Gleich das erste, für 2020 geplante Festival musste aufgrund der gerade frisch eingetretenen Pandemie nach einigem Hin und Her schliesslich komplett auf 2021 verschoben werden und fand schliesslich im letzten Jahr auch statt.

Passend eigentlich, dass Mantar, die Ur-Bremer bereits sehr früh als erster Act für das 2. Hellseatic 2022 fest standen, auch wenn die gerade wieder mit frischem Absage- und Verschiebe Chaos ihrer 2022 Tour zu kämpfen hatten – diesmal wegen des neuen Umstands, dass Ticketvorverkäufe (auch allgemein) aufgrund der Unsicherheit Corona/Ukraine Krieg gerade so schlecht liefen, das gebuchte Veranstalter kurzfristig absprangen.

Genervt davon erklärte sich die Band schliesslich in Social Media Posts auf Instagram und Facebook, sah sich gezwungen einfach mal Klartext zu reden, was hinter den neuen Gigabsagen und Verschiebungen steckte – nämlich die zur Zeit mangelnde Bereitschaft vieler Konzertbesucher, vorab Tickets zu kaufen – auch wenn man dies aufgrund der aktuellen Situation natürlich verstehen könne. Dieser, auf Facebook allein fast 700 mal (!) geteilte Post wurde schliesslich sogar von Musikzeitschriften bzw. Online-foren wie Backstage-pro.de oder Visions.de als Meldung und damit wahrscheinlich dankbares Real-Beispiel der Live Situation 2022 verarbeitet und bewirkte so zumindest etwas öffentliche Diskussion über das Thema und die Folgen für vor allem kleinere Acts. Keine Frage – diese Zeiten sind ein harter Kampf, sowohl für Veranstalter als auch für Bands – das sei im Vorfeld angesprochen.

Heute Abend aber kümmert das aber niemand, denn das 2. Hellseatic findet nun statt. Mit vielen guten Metalbands, ohne viele Coronauaflagen und mit den Ur-Bremern Mantar als wahrscheinlichen Höhepunkt des 2. und letzten Festivaltags.

Das Konzert

Das Hellseatic Gelände liegt eine knappe halbe Autostunde vom Stadtzentrum entfernt in Blumenthal, auf dem Gelände der ehemaligen Wollkämmerei. Normalerweise ist es eher ruhig hier inmitten des weitläufigen, verschlafen wirkenden Bremen-Nords. Doch heute Abend ist irgendetwas anders. Lärmkaskaden und Gegröhle dröhnen von irgendwo her in den Vollmond beleuchteten Nachthimmel.

Das Festivalgelände inmitten des verlassenen Fabrikgeländes mit einer grossen Hauptbühne und einer kleinen Wendeplatzbühne, ca. 100 m weiter, auf platt gewalztem Sandboden und einzelnen Ständen, wirkt am Tag schon ganz schön trist – Jetzt kurz vor 22.00 Uhr im Dunkeln und dem dezenten Licht ist es schon nicer, aber wen kümmerts – das Festival war bisher jedenfalls Klasse. Gerade eben noch feierten die ca. 250 anwesenden Fans mit den spanischen Trashmetal-Dudes von Crisix (ext. Website) eine wilde Party mit stagedivendem Abschluss-Gitarrensolo das sein Finale schliesslich in der Mitte des kreislaufenden Moshpits fand – Irre !

Wer von den in Grüppchen herumstehenden Fans jetzt, kurz vor 10 in der Umbaupause einen Blick auf die Hauptbühne wirft, kann zwischen diversen Technikern bereits Erinc beim Schlagzeugaufbau sehen, genau wie einen drahtigen Typen mit hellblauem Hoodie, aufgesetzter Kapuze und Coronamaske, der mal mehr, mal weniger hektisch am Gitarrenset aufbau-organisiert und verständlicherweise nicht unbedingt erkannt werden will. Gleich Zehn..Langsam wirds voll vor der Bühne.

Punkt 22.00 Uhr. Das Bühnen Licht erlischt und ein langsamer, eher poppiger Klaviersong mit melancholischer Frauenstimme ertönt aus den Lautsprechern. Im schimmrigen Licht kommen Hanno (Voc/Git) und Erinc (Drums/Voc) auf die Bühne und werden schon mal angejubelt. Jetzt noch schnell die Jacken ausziehen – und los gehts. Der Opener, das Instrumental Stück „Berserkers Path“ bricht los und verbreitet mit seinen fetten Slow Motion Riffs und der nachdenklichen männlichen Off Stimme, erstes Mantar Feeling.

Hanno und Erinc, auf der Bühne wie üblich, optisch einander zugewandt wirken fit, gut drauf und in bester Spiellaune. Der Sound ist rund – was nicht unbedingt selbstverständlich ist, immerhin hat man in diesem Jahr mit: einmal Seattle, Bremen Tower und einmal Wacken am Ende gerade mal 3 Gigs hinter sich gebracht. Was auch auffällt ist, dass eine gewisse „Höllenoptik“, komplett aus dem Bühnenbild verschwunden ist. Die gekrümmte Körperhaltung Hannos, und das hingebungsvolle, infernalische Screaming scheinen die einzigen kryptischen Überbleibsel zu sein. Der Rest könnte auch als Grunge Konzert durchgehen.

Das liegt vor allem aber auch am Sound. Ich persönlich kenne alle Alben und sehr viele Livekonzerte der Band im Internet, der Livesound hier kommt mir aber durchaus neu und exzellent ausgefeilt vor. Der fehlende Bass muss durch Gitarrentiefe und auch ein gewisses Zusammenspiel mit den Drums ersetzt werden. Um das zu erreichen jagt Hanno seine Gitarre, wie üblich durch 2 Amps gleichzeitig. Fuzzig tief und doomig breit, wetzt sein Sound im unteren Drehzahlbereich durch die Nacht und vermischt sich mit Erincs wuchtig-opulenten Drumstil zu einem schweren hypnotischem Sound, der die Anwesenden hier bereits nach wenigen Takten in seinen Bann zieht.

Das ist der Rhythmus wo man mit muss..- Die wahre Mantar Magie. Und jedem hier ist klar – hier wird nicht frohlockt: auf Trashmetal-Vibes Lebensfreude zelebriert wie eben noch bei den grandiosen CRISIX. Nein: Hier stehen wir alle, zustimmend kopfnickend im Takt – Mantar vereint alles in Dunkelheit und es ist gut so, denn jeder halbwegs intelligente Mensch weiss, dass die Welt manchmal auch „a very bad place“ ist. Also müsste auch jede halbwegs intelligente Musik etwas davon enthalten.

Dieser hypnotische Sound, der auch irgendwie an die Melvins oder die frühen Nirvana erinnert, wird zum Grundflow des gesamten Sets; bricht nur hin und wieder bei einzelnen Songs (vorwiegend vom Debüt Album „Death by Burning“) in los-wetztende, quintige, metalgeshredderte Momente aus, um schliesslich wieder in diesen Mood zurück zu fallen – Man muss sagen das funktioniert einfach ! Völlig losgelöst hat eine junge Frau ein paar Meter neben mir blank gezogen und tanzt kreischend und fetzend durchs Getümmel. Thats Rock n Roll !

Bei soviel Ankomme hier und nach ungefähr der Hälfte des Sets kann man da auch schon mal locker mit dem Publikum quatschen. „Hallo Bremen !“ ruft Hanno nach dem 7.Song mit vom Screaming leicht belegter Stimme und korrigiert sich sogleich: „Bremen Nord..! Das gute Bremen.. Das einzige Bremen..!“ (Stammen Hanno und Erinc aus Bremen Nord ?) „Seid ihr gut drauf..? Das wollt ich immer schon mal fragen..“ ..“..Entschuldigt – wir sehen nur so ernst und verbittert aus weil wir so nervös sind, wir wollen uns natürlich zu Hause nicht blamieren, aber es scheint zu laufen, also können wir jetzt alle ein bisschen lockerer werden..“…“ Das ist man hier aber heute sowieso. Das Publikum ist sichtlich dankbar für die Ansprache und überhaupt sehr friedlich heute. Von Stress Einzelner oder Mehrerer fast nichts zu hören oder zu sehen.

Und jetzt, da die letzten Reste von eventuellem Eis sich aufgelöst zu haben scheinen, brechen die beiden zum 2.Teil des Sets auf – mit dem ersten Song vom ersten Album „Spit“. Das Songrepertoire heute Abend verteilt sich sowieso auf alle Tonträger, die Mantar je heraus gebracht haben. Alles was Mantar Format gab, ist vorhanden, ausser „Odysseus“. Dabei fällt schon auf, dass melodischere (vorwiegend neuere) Tracks wie z.B. „Hang Em low (so the Rats can get Em)“ oder „Grim Reaping“, eine angenehme Abwechslung, in die auf Dauer leicht monoton wirkende Rhythmik von Hannos Screaming bringen. Melodie ist eindeutig gut. Ebenso die Lichtshow, die farblich individuell an jeden einzelnen Song angepasst ist. Die Idee der Band, zugänglicher (wenn damit auch kommerzieller) aber praktisch auch abwechslungsreicher zu werden, scheint keine schlechte gewesen zu sein. Das Gegenbeispiel wäre eine hier wohl eine noch extremere Show in eineinhalbstündigem Dauerflashlight-Gewitter und Zuschauer kurz vorm epileptischen Anfall.

Im letzten Teil der Show gibt es noch ein paar Klassiker inklusive spektakulärem Bodentreter Solo Hannos – siehe Titelbild. Doch traurig klingt das Schlussakkord (-Geschredder) in Moll, denn das Konzert findet damit allmählich, nach schliesslich 17 Songs sein Ende. Man muss sagen, Mantar haben hier heute einfach alles gegeben. Die Show, die für eine Stunde angesagt war, dauerte schliesslich anderthalb Stunden. Und es war geil Leute ! Erinc stampft sichtlich kaputt und ohne einen Blick zurück von der Bühne, Hanno verweilt noch etwas am Boden, bis das Licht ausgeht, die Leute wirken zufrieden und auch die Halb Nackte hat sich wieder angezogen (ist auch echt kühl jetzt..) und wirkt nach dem Rausch etwas peinlich berührt. Das war Mantar 2022 beim Hellseatic.

Outtro

Trotz – oder vielleicht gerade wegen der relativ wenigen Leute hier, hatte der Gig seinen individuellen Reiz. Es hat schon etwas Intimes, diese so populäre Band so nah zu erleben – etwas von Rocker-Seyance oder „am Lagerfeuer singen“. Und Onkel Hanno und Onkel Erinc erzählen mit ihren Sounds alte und neue Geschichten die irgendwie voller Wahrheit sind und alle hier hören gebannt zu. Very good.

Das Hellseatic 2023 wird es nicht geben, weil die aktuelle Lage und die daraus resultierenden Vorfinanzierungsoptionen, es nicht möglich machen werden – allein schon deshalb war es toll, diesen Moment festzuhalten.

Der Hellseatic Crew, und natürlich der Band, sei gedankt. Die Umstände sind hart aber es macht keinen Sinn zu resignieren. Und auch wir wollen das nicht tun und hier optimistisch bleiben. Die Leute selbst können es ja ändern. Wenn man solche Konzerte in Zukunft erleben will, sollte man das einfach ernst nehmen und sich ab und zu mal ein Ticket kaufen. #Geht mehr auf Konzerte ! Ich bin mir zumindest sicher, wer heute Abend hier war, wird dieses Konzert bestimmt nicht vergessen.

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