18.06.26, Markus Schaedel
Marco van Gete ist mit seiner Indie Band STUN längst Bremer Kult. Seit Anfang des Jahres ist er nun mit seinem neuen Projekt Dramatist unterwegs – fast dieselbe Besetzung, aber ein völlig anderer Drive.
Was ist da los, fragt man sich.!? Im Telefoninterview erzählt er, wie und warum aus STUN praktisch eine neue Band wurde, die mit neuem Label und frischem Tour-Rückenwind plötzlich kräftig durchzustarten scheint.
Es ist Sonntag Mittag, Marco van Gete ist gerade erst aufgestanden. „Ich habe jetzt auch gerade nur ein paar Stunden geschlafen, weil wir die Nacht aus Hannover zurückgekommen sind, wo wir gestern gespielt haben.“ So sehen die Wochenenden im Moment aus: Dramatist auf Achse, van Gete am Steuer. Und während er das erzählt, klingt er alles andere als müde. Er klingt wie jemand, der gerade merkt, dass da was passiert, womit er – wie er selbst sagt – überhaupt nicht gerechnet hätte.„Dramatist hat eine Größe und eine Relevanz bekommen, die wir uns alle davor so nicht hätten vorstellen können“, sagt er. In Wien sind extra Leute 150 Kilometer aus Graz angereist. In Stuttgart hat der ganze Laden bei „Glasgow Nights“ mitgesungen. In Hannover sind Fans aus Hameln angekommen, eigens für den Gig. Das ist neu. Das war bei STUN anders.
Wer STUN kennt, weiß: Das war nie eine Band, die auf schnellen Durchbruch ausgelegt war. Seit 1999 in Bremen aktiv, komplett DIY, finanziert aus eigener Tasche und nach Feierabend betrieben. Das Trust-Fanzine hat sie irgendwann als eine „übriggebliebene Band“ bezeichnet – und damit eigentlich genau den Slacker – Kern getroffen. Vertreter einer Generation, die mit Nirvana, Sonic Youth und Doves groß geworden ist und sich weigert, diese Sozialisation einfach so abzuhaken.
Und warum auch – nur weil die Musikindustrie Grunge damals auf einen konsumierbaren Livestyle herunterbrach und damit alles was daran substanziell und symbolisch war, dem Diskurs entzog der Grunge, wie jede Jugendbewegung, eigentlich war. Bernard Stieglers Begriff der `symbolischen Verelendung´ (die zunehmende Austrocknung des kreativen Bodens durch Grammatisierung) hatte sich hier ein weiteres Mal in der Rock and Roll Historie bewahrheitet und damit keinen unwesentlichen Teil zur heutigen Mut- und Orientierungslosigkeit, sowie der inhaltlichen Leere kultureller Visionen beigetragen. (Meinung des Autors)
Van Gete selbst ist kein Bremer Urgewächs. Er kommt aus Trier, und diese Stadt hat ihn nie so richtig gepackt. „Ich habe mich nie so 100 Prozent wohl da gefühlt und wollte damals unbedingt weg.“ Dabei hat die Familiengeschichte vielleicht einen Teil dazu beigetragen – sein Großvater war im Zweiten Weltkrieg vor den Nazis aus Schleswig-Holstein geflohen, bis in die Eifel, und dort irgendwann geblieben. Dass es seinen Enkel dann doch noch Richtung Norden verschlug, klingt fast folgerichtig.
1999 kam van Gete nach Bremen mit 22 oder 23 Jahren, wie er sagt. Im ersten Jahr mochte er die Stadt kein bisschen. Er arbeitete in Hamburg, wohnte aber in Bremen – anfangs eher mangels Alternative als aus Überzeugung. Musikalisch sozialisiert hatte er sich längst: schon in Trier im Exhaus, im Vorprogramm von Bands aus dem Bielefelder Umfeld, frühe 90er, laute Gitarren, alles dran. Als Sänger trat er damals aber noch nicht in Erscheinung. „Ich war immer nur Gitarrist“, sagt er, „und habe mich dann später zum ersten Mal mit STUN ans Mikro gestellt.“ Was folgte, war, wie er es selbst beschreibt, ein langer, steiniger Weg.
Mit STUN hat Marco van Gete sich langsam an die Rolle des Frontmanns herangetastet. In Trier noch „nur“ Gitarrist, steht er in Bremen plötzlich vor dem Mikro, ohne zu wissen, wie seine Stimme eigentlich klingen soll. „Ich wusste immer: ich will cool klingen, aber ich wusste nicht, wie“, sagt er heute. Die frühen Album-Rezensionen sind entsprechend ehrlich: guter Indie Rock, Gesang „noch nicht ganz ausgereift“. Es ist die klassische Suche – nach Tonlage, Haltung, nach einem eigenen Platz in der Indiewelt.
Trotzdem wächst STUN Schritt für Schritt. Erst Demos, dann 2009 das erste Studioalbum mit Produzent Dennis Rux, live eingespielt, der Versuch, die Energie des Proberaums auf Platte zu bannen. Zwei Jahre Später das ambitioniertere „Ok Hunter“ 2012, wieder mit Rux, jetzt sogar mit Bläsern, Gastgesang, größerem Arrangement. Kritik und Fans sind sich einig: Das ist doch etwas mehr als Feierabendmusik, aber es ist auch die Phase, in der die Band merkt, wie hoch der Aufwand ist, wenn man alles allein schultern will – Zeit, Geld, Nerven inklusive.
Der nächste große Sprung ist 2018 „Today We Escape“ mit Wunschproduzent Kurt Ebelhäuser in Koblenz. Ebelhäuser, früher selbst mit Blackmail und Scumbucket unterwegs, ist für van Gete so etwas wie eine Scharnierfigur: ein Produzent aus der 90er Generation, der die gleiche Sprache spricht und trotzdem noch Ideen hat, wie Gitarrenmusik 2020 klingen kann. „Wir wollten raus aus der alten Suppe“, sagt van Gete. Vor allem wollten STUN endlich ein Album, das wirklich so klingt wie die Band nachts im Klub. „Wir waren schon lange vor allem eine gute Liveband, aber die Platten haben das nie so richtig abgebildet.“ Mit „Today We Escape“ kommen sie diesem Ziel schliesslich entscheident näher – aber der Preis ist hoch: Die Arbeit am Album, die Finanzierungsfragen, die Organisation parallel zu Jobs und Alltag ziehen Kraft. STUN macht man zwar immernoch gern, aber es ist auch etwas dass mit jedem Schritt schwerer zu werden scheint.
Trotzdem setzen sie noch einmal an. Wieder geht es zu Ebelhäuser, wieder mit dem Plan, „einfach“ die nächste STUN Platte aufzunehmen. Diesmal wollen sie besser vorbereitet sein, die Songs gründlicher ausgearbeitet, das Studio effizienter nutzen. Doch kaum laufen die ersten Sessions, verschiebt sich die Perspektive. Statt nur die Verstärker neu einzustellen, fängt die Band an, von der Basis her zu schrauben.Es ergibt sich einfach. Die Gitarren werden komplett umgestimmt – keine Standard E Stimmung mehr, sondern selbst ausgedachte Tunings, die ineinander greifen, neue Akkordräume öffnen, merkwürdige Reibungen erzeugen. Sonic Youth lassen grüßen, aber der Ansatz ist pragmatisch: raus aus dem alten Raster, neue Accords, neue Melodien.
Parallel dazu verändern sich die Texte. Wo STUN jahrelang einen Bogen um allzu klare politische Statements gemacht haben – aus der Angst, platt zu werden, oder zu sehr mit dem Holzhammer zu kommen – erlaubt sich van Gete plötzlich Direktheit. Es geht mehr um Wut, Müdigkeit, Angst, Kapitalismuskater, um das Gefühl, dass die Welt gleichzeitig brennt und einfriert. „Bei STUN haben wir immer versucht, nicht zu deutlich zu werden“, sagt er. „Bei Dramatist sind die Texte Ventile.“ Weniger Metaphern, mehr Klartext.
Irgendwann im Studio verdichten sich diese Verschiebungen zu einer einfachen Erkenntnis im Kontrollraum. Van Gete hört sich selbst und die Band,– und sagt: „Hört mal hin. Das ist nicht mehr Stun, das ist eigentlich eine ganz andere Band.“ Eine simple Feststellung und keiner hier wiederspricht weil es einfach greifbar ist.
Von da an verändert sich etwas: Der Name Dramatist taucht auf, Oskar Brozek kommt dazu, Gitarrist und Sänger, der die Stimmen verdichtet und eine andere Nuance reinbringt. Formal ist es nun fast die gleiche Truppe, die vorher STUN war. In der Praxis sind die Koordinaten verschoben: drei Gitarren, eigenwillige Stimmungen, Songs, die zwischen Post Hardcore, Indie Melancholie und auch einem Hauch Rock’n’Roll pendeln, ohne sich für eins zu entscheiden.
Auf dem im Januar erschienenen Debüt „Wasting Words“ hört man diese Verschiebung deutlich. Acht Songs, die in gut einer halben Stunde einen ziemlich massiven klanglichen Teppich ausrollen. Die Fachpresse horcht jedenfalls auf: Das Visions-Magazin attestiert dem Sound eine gewisse „postmoderne Sperrigkeit“, während Formate wie Away from Life oder HB-People das Zusammenspiel der drei Gitarren, die dichten Harmonien und die klanggewaltige Atmosphäre loben. Van Gete mag als Sänger immer noch tonal seine ganz eigene, leicht angekratzte Agenda verfolgen, aber genau das gibt den wuchtigen Post-Hardcore-Strukturen und verhakten Indie-Melodien den nötigen Halt. „Wasting Words“ ist kein radikaler Bruch mit dem, was vorher war, eher eine konzentrierte emotionale Verdichtung in alle Richtungen: Weniger Metaphern, mehr Fokus und eine Dringlichkeit, die man der alten Feierabendband so nicht immer zugetraut hätte.
Der vielleicht wichtigste Unterschied spielt sich aber nicht im Studio, sondern im Kopf ab. STUN war immer als Feierabendprojekt gedacht: Man verdient sein Geld anderswo, steckt es in Platten, spielt so viele Konzerte, wie Kalender und Arbeitgeber hergeben, hofft, dass es reicht, um weiterzumachen. Bei Dramatist drehen sie das Verhältnis zumindest ein Stück weit um. Nun sogar mit dem neuen und berüchtigten Label Devil Duck Records im Rücken, dazu einer, ebenfalls neuen Booking Agentur und einer Platte, die von Anfang an mehr für die Bühne gedacht ist, läuft die Band auf einer anderen Schiene. „Früher haben wir uns gefragt, wie wir es überhaupt schaffen, noch ein Album zu machen“, sagt van Gete. „Inzwischen fragen wir uns eher, wie wir die ganzen Konzerte organisiert kriegen. Das ist anstrengend – aber auf eine andere Art. Es fühlt sich nicht mehr an wie ein Gewicht, sondern eher wie ein Motor.“
STUN: Today we Escape
Dass das neue Dramatist Album funktioniert, hat Bremen spätestens beim Fair Weather Fest 2026 gemerkt. Drinnen im Eisen ballern Dramatist ihre 35 Minuten wie im Rausch, wie van Gete sagt und ohne große Ansagen durch, vorne an der Bühne dicht gedrängt, draußen stehen noch etliche Leute auf der Straße und versuchen, durch die Tür wenigstens ein paar Takte mitzunehmen. Dabei ist das Eisen wohl der kleinste Laden des Festivals – und trotzdem (oder gerade deswegen) fühlt sich der Auftritt an wie ein heimliches Headliner Set.
Ich frage mich: Warum spielen die bei aller Kult-heit des Eisens hier, wenn sie inzwischen locker größere Räume der Festival Landschaft vollkriegen? Die Antwort heißt Nando. Der Eisen Chef ist für van Gete mehr als nur Wirt eher so etwas wie frühe A & R Abteilung im Freundeskreis. Und so war er auch einer der Ersten, die das fertige Dramatist Album im Proberaum vorgespielt bekamen. Und sein Urteil darüber was er da hörte war für die Band tatsächlich höchst verbindlich: „Wenn du sagst, es trägt, laden wir direkt Jörg von Devil Duck Records in den Proberaum ein und spielen ihm unser Album komplett live vor. Und so kam das alles dann auch: Nun steht der Album-Deal bei Devilduck records.
Der Gig im Eisen beim Fair Weather Fest 26 war deshalb vielmehr eine Geste der Verbundenheit.: manche Läden sind für so manche Band eben mehr als nur Läden.
Zum Schluss und ganz nebenbei erwähnt van Gete, dass da noch ein anderes Projekt in den Startlöchern wartet: The Human Ugly, die ja in den letzten Jahren schon ein paar Tracks veröffentlicht haben – zusammen mit Svenion von Mörser. Entstanden aus einem Abend in der Capribar, an dem beide feststellten, dass sie nebenbei auch gut auf Elektronik stehen – und noch am selben Abend online Synthesizer bestellten
Rund 20 fertige Songs mit diversen Gaststimmen: zum Beispiel Susannah von Rausz ist dabei, Marian von Anne’s Ex singt einen Elektropunk-Song auf Englisch. „Wir haben die alle so ein bisschen auf eine andere Wiese mitgenommen und haben dann mit denen da etwas gespielt, was sie halt so noch nicht gespielt haben.“ Gutes Projekt ! Leute kennen , eigen kleine Visionen basteln, aufnehmen und zurück zur Tagesordnung. Das Ganze wartet derzeit in der Schublade – Svenion hat mit dem veganen Restaurant im Schlachthof gerade alle Hände voll, Dramatist frisst van Getes Wochenenden. Aber die Idee steht: irgendwann live, mit richtiger und guter Band, nicht nur Laptop und Elektronik.
Die nächsten Monate wird man Dramatist eher in Vans und Clubs zwischen Bremen, Hamburg, Berlin und Wien antreffen. Dass die alte STUN-Zeit, das Eisen und Nando dabei als unsichtbare Crew immer mitreisen, beweist eigentlich nur eins: Egal wie sehr die Band gerade durchstartet, die Bremer Bodenhaftung bleibt.
Mehr zu Dramatist
Website: dramatistband.com
Tickets / Termine: Eventim – Dramatist
Ausgewählte kommende Termine
26.09.2026 – Aukrug, Bobble Cap Festival
11.12.2026 – Wuppertal, Die Börse
12.12.2026 – Siegen, Vortex
16.12.2026 – Nürnberg, MUZ
17.12.2026 – Düsseldorf, Ratinger Hof
22.01.2027 – Berlin, Neue Zukunft
23.01.2027 – Münster, Heile Welt
05.03.2027 – Kiel, Schaubude
06.03.2027 – Flensburg, Volksbad
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